Das erste Viertel ist geschafft! – ein Rückblick auf meine ersten 3 Monate in Chile

Vieles ist in meinem Blog schon aufgetaucht, hier kommt nun trotzdem der „offizielle Vierteljahresbericht“, den ich für weltwärts verfassen muss. Viel Spaß beim Lesen 🙂

3 Monate sind vergangen, seitdem ich am 16. August in Santiago gelandet bin. Ein Viertel meines Freiwilligendienstes habe ich dementsprechend schon absolviert. Höchste Zeit also, um einen ersten Rückblick auf meine Anfangszeit in Achupallas und Umgebung und den Beginn meiner Arbeit an der Escuela Popular de Artes (EPA) zu werfen.

Die größte Herausforderung zum Beginn meines Freiwilligendienstes (FWD) war unumstritten die radikale Umstellung meines Tages- und Lebensrhythmus. Bis vor meiner Abreise nach Chile bestand mein Leben hauptsächlich aus Schule, Lernen, Hockeytraining, Klavierspielen und ab und zu mal Freunde treffen. Jeder Tag war von vorne bis hinten durchgeplant, vor allen Dingen die letzten Monate rund um die Abiturprüfungen strotzen nur so vor Stress und Hektik. Das sollte sich jedoch mit der Ankunft in Chile radikal ändern. Das Gefühl, das die ersten 5 bis 6 Wochen meiner Zeit hier dominierte, war zweifelsohne die Langeweile. Es war unglaublich ungewohnt für mich, so viel freie Zeit für mich selbst zu haben und teilweise stundenlang nichts zu tun zu haben. Dies war auch ein Grund dafür, dass ich anfangs ein paar persönliche Startschwierigkeiten sowohl in meiner Freizeit, als auch im Projekt selbst hatte. Ich habe ständig den Drang gespürt, etwas unternehmen zu müssen und sobald ich mal einen ganzen Tag nichts zu tun hatte, habe ich mich gleich unwohl und unproduktiv gefühlt. Dies sollte sich jedoch schneller als gedacht ändern.

Die siebte Woche nach meiner Ankunft in Achupallas markiert einen ersten großen Wendepunkt meines FWD und gleichzeitig das endgültige Ende vermeintlicher Unproduktivität und Langeweile. Denn nach sieben Wochen hatten sich sowohl Arbeitsleben, als auch Freizeit- und Familienleben endlich eingependelt. Mittlerweile habe ich einen gut gefüllten und vor allen Dingen auch erfüllenden Stundenplan an der EPA. Montags vormittags nehme ich an der „reunión de equipo“ (Teamversammlung) teil. Diese kann sich zwar oftmals ganz schön in die Länge ziehen, trägt jedoch ungemein zum Verständnis der Arbeits- und Funktionsweise des Teams und der EPA bei. Darüber hinaus habe ich 6 eigene Klavierschüler, denen ich „Nachhilfe“ gebe, sprich, sie gezielt auf Konzerte vorbereite oder schwierige Stücke noch einmal intensiv übe. Alle sechs SchülerInnen sind sehr unterschiedliche Personen, die jüngste ist 8 Jahre alt, der älteste 18 Jahre und jede/r hat so seine Spezialitäten und seine Schwierigkeiten. Es macht mich richtig stolz, mitzuerleben, wie jede/r ihre bzw. seine ersten Erfolge und auch schon größere Fortschritte feiert. Auch von den Lehrern kommt regelmäßig positives Feedback – kann ja also nicht so verkehrt sein, was ich da mache. Neben dem Klavierunterricht helfe ich in Theorieklassen aus, gebe Englischunterricht für Anfänger und erstelle ein „inventario de libros“ (Bücherverzeichnis) aller Musikbücher der EPA – eine wahre Sisyphusarbeit…

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Das ist Karina – eine meiner Klavierschülerinnen 🙂

Das wohl spannendste und bedeutendste Projekt, an dem ich mitarbeiten darf, ist das „proyecto sociocomunitario“.

Ein Input zum besseren Verständnis: Die EPA befindet sich in Achupallas, einem Stadtteil der viertgrößten und wohl touristischsten Stadt Chiles – Viña del Mar. Während sich Touristen und Arbeitsleben in „Viña de abajo“ (das Viña von unten, sprich, die Innenstadt direkt am Meer) tummeln, spielt sich das wahre und authentische Leben Chiles hier oben in den „cerros“ (Hügeln) ab. Die Unterschiede der Lebenswirklichkeiten zwischen „dort unten“ und „hier oben“ (aus unserer Perspektive aus betrachtet) könnte kaum größer sein. Während Viña del Mar jeder anderen europäischen Küstenstadt in nichts nachsteht, sieht das Leben in den Hügeln komplett anders aus. Eine Fahrt in der „micro“ (dem Bus) vom Hauptplatz in Viña aus bis hoch in die Hügel veranschaulicht diesen Unterschied sehr plastisch. Startpunkt wäre in diesem Fall „la Plaza Viña“, umrahmt von Palmen, großen Einkaufszentren und Bürogebäuden. Langsam bewegt sich die micro den Hügel hinauf, vorbei an Ein- bis Zweifamilienhäusern aus Stein mit schicken Autos vor der Tür – ganz ähnlich den typischen „suburbs“ us-amerikanischer Megametropolen. Doch mit jedem Kilometer, den sich die micro weiter den Hügel hinaufschlängelt, sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Spätestens in Achupallas ist der höchstprivilegierteste Sektor Chiles – in Gestalt von „Viña de abajo“ – verlassen, und die Ankunft in einem völlig anderen, jedoch viel repräsentativeren Teil Chiles geschafft. Dabei dauerte die Fahrt gerade einmal 20 Minuten! Oft wird im Zusammenhang mit Achupallas von einem Armenviertel gesprochen – dies ist meiner Meinung nach jedoch eine absolute wahrheitsverzerrende Darstellung der Lebenswirklichkeit hier in den Hügeln. Hier oben sind die Lebensverhältnisse größtenteils zwar etwas einfacher als zuhause in Deutschland, trotzdem fehlt es an nichts. Es gibt warmes Wasser, Strom, Gas zum Kochen, WLAN, Supermärkte, kleine Bäckereien. Meine Gastmama und mein Gastonkel haben jeweils ein eigenes Auto, mein Gastbruder hat seinen eigenen Rechner, auf dem er Computerspiele spielt, wir haben einen Gasherd, eine Waschmaschine, zwei Duschen und so weiter und so fort. Das Essen, was wir in meiner Gastfamilie essen, ist auch kaum unterschiedlich zu dem, was ich bis jetzt in Deutschland tagtäglich gegessen habe – Reis, Nudeln, Fleisch, Suppe, Brot, Gemüse, Obst, etc. Rundum: Bis jetzt habe ich hier mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede festgestellt und von einem Armenviertel kann zumindest in Achupallas nicht die Rede sein.

Tatsache ist jedoch, dass die Reise hinauf in die Hügel noch nicht zu Ende ist. Achupallas bzw. die EPA befindet sich am Fuße des größten „toma de terreno“ Chiles. „Toma de terreno“ lässt sich sinngemäß als „illegal bebautes Gebiet“ übersetzten. Das „campamento Manuel Bustos“ wurde vor etwa 20 Jahren erstmals bebaut – heute leben circa 2000 Familien dort oben, die sich in 23 sogenannte „sedes/comités“ (Komitees) aufteilen. Zwar haben sich die Lebensumstände im campamento in den letzten Jahren ungemein verbessert, trotzdem fehlt es an vielen Stellen noch an Wesentlichem. Viele Familien haben keinen Zugang zu fließendem Wasser und die Straßen sind nicht asphaltiert, sodass man bei starken Regenfällen weder hoch noch runterfahren kann. Drogen sowie Kriminalität sind im campamento leider sehr präsent. Da die Gebiete illegal bebaut sind, kümmert sich der chilenische Staat leider kaum bis überhaupt nicht um die Bewohner dieser Gebiete – obwohl gerade dort am meisten Unterstützung gebraucht wird. Jedoch wissen die Bewohner sich selbst zu helfen und somit organisieren sie sich in verschiedenen Komitees, das Nachbarschaftsgefühl und -gefüge ist unglaublich ausgeprägt und es gibt massig freiwillige Initiativen und Unterstützungen von Kulturzentren, Universitäten und auch seitens der EPA.

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ein Blick in die Hügel im Sonnenuntergang – noch viel schöner als der Sonnenuntergang am Strand finde ich 🙂

Denn das „proyecto sociocomunitario“, welches das Hamburger Kammermusikensemble „Salut Salon“ im April dieses Jahres ins Leben gerufen hat, hat sich als Ziel vorgenommen, den Spaß und die Freude an der Musik bis in das campamento zu verbreiten, sodass auch die Kinder und Familien des campamentos an Musik und Kultur teilhaben können. Diese Musikwerkstätten finden jeden Samstag statt und monatlich wechseln wir das Komitee. 23 ausgewählte Kinder sind nun sogar fester Teil der EPA, sie werden ein neues Streicherorchester bilden. Leider kann die EPA natürlich nicht jedes Kind, das im campamento lebt, aufnehmen. Dafür fehlen sowohl die humanen als auch die finanziellen Ressourcen. Nichtsdestotrotz ist nach knapp 8 Monaten schon ein großer Fortschritt zu verzeichnen. Das „orquesta tomas“ an der EPA macht sich prächtig und auch mir macht die Arbeit jeden Samstag unglaublich Spaß. Während die Arbeit an der EPA nämlich fast schon hochprofessionell ist (meiner Meinung nach steht die EPA keiner deutschen Musikschule in etwas nach), ist die Arbeit im campamento schon eher das, was ich mir unter einem „typischen“ FWD vorgestellt habe.

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Um meine ersten 3 Monate in Chile und an der EPA zusammenzufassen, kann ich festhalten, dass ich spätestens zum jetzigen Zeitpunkt das Gefühl habe, voll und ganz angekommen zu sein. Und nicht nur das: Die Arbeit an der EPA macht mir sogar so unglaublich viel Spaß, dass ich mich mittlerweile dazu entschieden habe, Musik, Spanisch und Englisch auf Lehramt zu studieren. Hätte ich bevor ich nach Chile gekommen bin nie gedacht…wofür so ein FWD so gut sein kann – Stichwort Selbstbegegnung bzw. Selbstfindung. Kurz gesagt: Mir geht es großartig, das Projekt ist sogar noch besser, als ich es mir vorgestellt habe, wir drei Freiwilligen verstehen uns prächtig und auch in meiner Gastfamilie fühle ich mich wohl. Könnte momentan also kaum besser laufen.

Viele Grüße,

Eure Jola 🙂

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happy voluntary at work 

Ein Gedanke zu „Das erste Viertel ist geschafft! – ein Rückblick auf meine ersten 3 Monate in Chile“

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