Dies ist nun schon mein dritter Vierteljahresbericht. Anders gesagt: Unglaublicherweise ist schon ein dreiviertel Jahr vergangen, seitdem ich in Chile angekommen bin. Seit meinem letzten Bericht habe ich viel erlebt und es hat sich einiges verändert. Darüber werde ich nun berichten.
Da meine Arbeitsstelle, die Escuela Popular de Artes, im Sommer ihre Türen schließt, hatte ich 6 Wochen Sommerferien zur freien Verfügung. Ich beschloss, die Zeit zu nutzen, um Südamerika noch besser kennenzulernen und machte mich auf Reisen. Anfang Februar packte ich meinen Rucksack und es ging los in Richtung Norden, für eine dreiwöchige Reise durch Peru und Bolivien. Schon beim Übertreten der peruanischen Grenze merkte ich, dass Südamerika viel diverser ist, als ich es mir hätte vorstellen können. Ich merkte gleich, dass in Peru eine ganz andere Atmosphäre herrscht, als ich sie bis jetzt in Viña del Mar und Umgebung kennengelernt habe. Erst einmal klingt peruanisch etwas langsamer und wärmer als chilenisch, zumindest für mich. Außerdem kam es mir so vor, als würde es in Peru alles etwas bunter sein. Im Gegensatz zu Chile, welches sehr durch europäische Einflüsse geprägt ist, fielen mir in Peru und auch in Bolivien viel mehr eigene kulturelle Prägungen auf, die es bei uns in Deutschland so nicht gibt. Dazu gehören zum Beispiel die vielen bunten Kunsthandwerke, die auf Märkten und Straßen verkauft werden, und auch die auffälligen bunten Trachten, die vor allem in Bolivien sehr viel getragen werden. Auch die Landschaft und die geografischen Bedingungen sind wirklich überall sehr unterschiedlich. Dies habe ich besonders in den Höhen der peruanischen Hochebene zu spüren bekommen. In der Stadt Cusco lag ich erst einmal zwei Tage komplett flach, bevor sich mein Körper einigermaßen an die Bedingungen gewöhnen konnte.
Drei Wochen reichten natürlich nicht aus, um die peruanische und bolivianische Kultur so richtig kennenzulernen, aber für einen ersten Eindruck hat die Reise auf jeden Fall gereicht. Ich habe festgestellt und war tatsächlich sehr überrascht, wie sehr sich Chile, Peru und Bolivien voneinander unterscheiden und wie einzigartig jedes Land für sich ist. Dies hat meine Sicht auf Südamerika noch einmal deutlich verändert, da ich vorher eher ein sehr einheitliches Bild von dem gesamten Kontinent hatte. Nun weiß ich, dass sich die einzelnen südamerikanischen Länder und ihre jeweiligen Einwohner und Kulturen stark voneinander unterscheiden und definitiv nicht zu vereinheitlichen sind!
Nach den vielen neuen Eindrücken, die ich auf meiner Reise sammeln konnte, war ich dann doch wieder froh, nach Hause zu kommen. So fühlt es sich mittlerweile nämlich für mich an hier in den Hügeln von Viña, in Achupallas – zu Hause. Es ist sehr beruhigend zu wissen, einen Ort zu haben, an dem ich mich wohlfühle und wo ich mich auskenne. Innerhalb der letzten neun Monate habe ich mir hier ein komplett neues Leben aufgebaut, mit all den kleinen Routinen und Aktivitäten, die mich heimisch fühlen lassen. Ein gutes Beispiel ist mein alltäglicher Weg zur EPA, auf dem ich immer für ein kleines Pläuschchen am Gemüseladen und an der Bäckerei stehenbleibe.
An der EPA warteten allerdings einige Veränderungen auf uns. Ende letzten Jahres hat die Schule eine große finanzielle Stütze verloren und somit gab es viele personelle Veränderungen. Neben einigen Lehrern verließen uns auch der Direktor und die Sozialarbeiterin. Zum Glück fanden sich schnell ein neuer Direktor und eine neue Sozialarbeiterin. Ich war ein wenig besorgt, dass es schwer werden würde, mich an ein neues Team zu gewöhnen, nachdem ich mich Ende letzten Schuljahres endlich so richtig wohlgefühlt hatte. Allerdings vergingen diese Sorgen schneller als gedacht, da sowohl Andrés (der Direktor) als auch Carla (die Sozialarbeiterin) total herzlich sind und perfekt zur EPA passen. Wir sind alle der Meinung, dass die Stimmung noch besser ist, als zuvor.
Bevor im April der Unterricht wieder starten konnte, war eine Menge administrativer Arbeit zu leisten. Ich half während dieser Zeit fleißig der Sekretärin Natty, die Stundenpläne zu erstellen und immer wieder zu überarbeiten. Echt beeindruckend, wie viel Organisation hinter dem Schulalltag steckt! Anfang April ging der Unterricht dann endlich los und mit den Schülern und Schülerinnen kam die Schule wieder richtig in Schwung.
Auch für mich ging es wieder mit der Arbeit los. Ich gebe weiterhin einigen Schüler*innen eine zusätzliche Stunde Klavierunterricht, helfe in mehreren Musiktheorie-Kursen mit und führe meinen Englischkurs für jüngere Kinder fort.

Das Projekt im campamento, an dem ich letztes Schulhalbjahr noch teilnehmen konnte, gibt es dieses Jahr leider nicht mehr, da die finanziellen Mittel fehlen. Da die EPA aus einem Staatsprogramm ausgeschieden ist, welches einen Großteil der Finanzierung ausgemacht hat, konnte das Projekt im campamento nicht mehr gehalten werden und auch die regulären Unterrichtsstunden mussten auf eine halbe Stunde verkürzt werden. Auch die Ensembles und das Orchester finden vorerst nicht statt. Es ist super schade, dass ein so freudeschaffendes Projekt wie die EPA nicht konstant vom chilenischen Staat unterstützt wird, sondern sich immer wieder auf Programme bewerben muss, die jedoch jederzeit wegfallen können. Deshalb finde ich es umso beeindruckender, dass das Team und die Lehrer trotz erschwerter Arbeitsbedingungen alles dafür tun, die Schule am Leben zu erhalten.
Insgesamt bin ich nach wie vor super glücklich, dass ich hier an der Escuela Popular de Artes meinen Freiwilligendienst machen kann. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es wird, mich in drei Monaten von der Schule, den Schülern, Freunden und meiner Gastfamilie verabschieden zu müssen. Bis dahin genieße ich noch die Zeit, die mir hier bleibt!