48 Tage…

…sieben Wochen, so lange bin ich jetzt schon hier in Chile. Höchste Zeit, um mal einen ersten Rückblick zu wagen. Lange habe ich diesen Blogeintrag aufgeschoben, eigentlich wollte ich längst schon einen Rückblick auf meine Anfangszeit in Chile geschrieben haben. Doch so richtig wollte mir nichts von den Fingern gehen. Warum? Wahrscheinlich war bis jetzt einfach noch zu vieles zu unsicher und ungeordnet in meinem Kopf. Doch mittlerweile bin ich soweit, mal in Worte zu fassen, wie es mir in den letzten sieben Wochen so ergangen ist. Naja, oder zumindest einen Versuch zu starten 😉

Punkt 1: Ankommen.

Wir sind da. Sind wir da? Das war die Frage, die ich mir kurz nach meiner Ankunft gestellt habe. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich tatsächlich ein Gefühl von „angekommen sein“ spüren würde? Mittlerweile habe ich mich hier in Vina del Mar schon recht gut eingelebt, so richtig angekommen bin ich aber glaube ich immer noch nicht. Das hat viele Gründe. Geographisch gesehen befinden wir uns hier zwar so ziemlich genau auf der anderen Seite der Welt und das Meer, das wir sehen, das ist tatsächlich der Pazifik. Auch wenn wir also theoretisch gar nicht weiter von Deutschland entfernt sein könnten als hier in Chile, fühlt es sich für mich bis jetzt einfach überhaupt nicht so an, als wäre ich so weit weg.

Woran liegt das? Wahrscheinlich vor allem daran, dass das Leben hier in Vina gefühlt gar nicht so anders ist als in Europa. Die Stadt Vina an sich könnte genau so auch eine Stadt an Spaniens Mittelmeerküste sein – Hotelburgen, Strand, große Einkaufszentren, Bars, Hotels, massenhaft Turi-Angebote…Hier oben in den Hügeln sind die Lebensverhältnisse größtenteils zwar etwas einfacher als zuhause in Deutschland, trotzdem fehlt es an nichts. Es gibt warmes, laufendes Wasser, Strom, Gas zum Kochen, WLAN, Supermärkte, kleine Bäckereien. Alexis und Maricela haben ein eigenes Auto, mein Gastbruder hat seinen eigenen Rechner auf dem er LOL spielt, wir haben einen Gasherd, eine Waschmaschine, zwei Duschen und so weiter und so fort. Das Essen, was wir hier essen, ist auch kaum unterschiedlich zu dem, was ich bis jetzt in Deutschland so gegessen habe – Reis, Nudeln, Fleisch, Suppe, Brot, Gemüse, Obst, … Rundum: Bis jetzt hab ich hier mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede festgestellt – zumindest was die Lebensverhältnisse in Vina und in meiner Gastfamilie angeht. Deswegen fällt es mir wahrscheinlich schwer zu glauben, auf einem anderen Kontinent, 12.000 Kilometer entfernt von Hamburg zu sein. Allerdings heißt das natürlich nicht, dass es überall hier in Chile so ähnlich ist wie in Europa! Natürlich gibt es auch einige, entscheidende Unterschiede und bis jetzt kenne ich ja auch nur einen winzigen Teil des Landes.

Ein weiterer Faktor, der mich bis jetzt noch ein wenig am Ankommen hindert, ist, dass man heutzutage einfach ohne Weiteres den Kontakt zur Heimat halten kann – WhatsApp, Instagram und co. lassen grüßen. Eigentlich vergeht kein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Form Kontakt zu Freunden und Familie habe. Zum Einen bin ich natürlich super glücklich, dass ich jederzeit mit meinen Lieben telefonieren kann und nicht wie früher wochenlang auf Briefe warten muss. Andererseits macht der ständige Kontakt zur Heimat das Ankommen um Einiges komplizierter. Da ich in Gedanken einfach oft häufig zuhause bin, fällt es mir ziemlich schwer, mich voll und ganz auf mein neues Leben hier in Chile einzulassen. So ein bisschen habe ich das Gefühl, noch mit einem Fuß in Deutschland zu stehen, während sich mein restlicher Körper schon hier befindet. So viel erst einmal zum Thema „Ankommen“.

Punkt 2: Wie mein Leben hier so aussieht.

Die ersten zwei, drei Wochen hier in Chile waren recht chaotisch und ungeordnet. Wir brauchten die Zeit, um uns in der EPA zurechtzufinden und ein wenig die Umgebung kennenzulernen. Nach etwa einem Monat hatten sich die ersten Wogen geglättet, ich hatte endlich gerafft, welcher Bus nach Vina und welcher nach Valpo fährt, wo der Supermarkt ist und nach und nach strukturierte sich auch die Arbeit an der EPA.

Mittlerweile habe ich einen festen Stundenplan (naja, oder was man in Chile halt fest nennen kann 😉 ). Ich arbeite von Montags bis Samstags. Da die EPA eine reine außerschulische Veranstaltung ist, arbeite ich meistens so zwischen 15 und 20 Uhr, mal mehr mal weniger. Montags, mittwochs und samstags arbeite ich auch vormittags, alle weiteren Vormittage und den Sonntag habe ich frei. Was genau ich hier mache? Bis jetzt habe ich 7 Klavierschüler, denen ich sozusagen „Nachhilfe“ gebe, sprich, Stücke oder Tonleiter übe – was je nach Schüler eben gerade so anfällt. Außerdem bieten Laurenz und ich dienstags einen Englischkurs für die Gemeinde an, der bis jetzt auch echt ziemlich gut besucht ist. Ansonsten helfe ich in verschiedenen Kursen oder Bands aus und am Samstag nehme ich am „proyecto sociocomuntario“ der EPA teil, das ich ein anderes Mal genauer vorstellen werde. Seit ungefähr einer Woche hat unserer richtiger Arbeitsalltag hier begonnen und bis Weihnachten arbeiten wir jetzt durch – ich bin schon gespannt, wie sich die Kurse und Unterrichte so einpendeln werden und was ich selbst dabei alles neues lernen werde 🙂

Mein Leben außerhalb der Arbeit baut sich erst Stückchen für Stückchen auf. Ich muss gestehen, so viel Langeweile wie in den letzten sieben Wochen hatte ich glaube ich noch nie! Das mag aber vor allem daran liegen, dass sich seit meiner Ankunft in Chile mein Leben komplett geändert hat. Mein Lebensinhalt waren bis dato Schule, Lernen, Hockeytraining, Klavierunterricht, Freunde, Familie. Fast immer hatte ich alle Hände voll zu tun, war unterwegs oder gestresst, das Abi vor den Augen. Und jetzt: weder Schule, noch Lernen, noch Hockeytraining – alles futsch. Keine Zwänge mehr, kein Stress und ein völlig neues, noch unbekanntes Umfeld. Da unsere Arbeit erst diese Woche so richtig angefangen hat, hatte ich also sieben Wochen lang so viel Freizeit bzw. „nichts“ zu tun, wie noch nie. Echt ein komisches Gefühl für mich. Hinzu kommt, dass ich (mal abgesehen von meinen Mitfreiwilligen) noch kaum Menschen in meinem Alter kennengelernt habe, mit denen ich was unternehmen kann. Nichtsdestotrotz ergeben sich nach und nach immer mehr Aktivitäten und Unternehmungen, die die Langeweile und den exzessiven Netflix-Konsum ersetzten. Dienstags und mittwochs nach der Arbeit gibt es im Surco (einem Kulturzentrum in der Nähe) einen richtig coolen Salsakurs, zu dem wir jetzt schon seit einigen Wochen gehen. Im Sportclub nebenan habe ich einen Zumbakurs entdeckt – das macht auch mega viel Spaß. An den Wochenenden waren wir schon häufig feiern oder auch mal am Strand und nach und nach lernen wir auch neue Leute kennen. Das braucht alles noch ein wenig Zeit und Geduld. Dabei ist geduldig sein nur leider gar keine meiner Stärken…Aber was nicht ist, kann ja noch werden 🙂

Punkt 3: Und jetzt?

Heute ist der 3. Oktober. In genau 10 Monaten, am 3. August fliegen wir zurück nach Deutschland. 10 Monate voller spannender Erlebnisse und neuen Erfahrungen. Ich bin  echt gespannt, was da auf mich zukommt, wen und was ich alles kennen- und schätzen lernen werde und vor allem, wann ich endlich mit voller Überzeugung sagen kann: Ich bin WIRKLICH angekommen!

Eines kann ich auf jeden Fall schon mal bestätigen: auch wenn die erste Zeit hier nicht immer einfach war und es mir manchmal echt schwer fällt, mich auf mein neues Leben hier einzulassen, bin ich trotzdem froh, hier in Chile sein zu können und mich für den Freiwilligendienst entschieden zu haben 🙂

Danke fürs Lesen und bis bald,

eure Jola 🙂

(Das Titelbild ist übrigens bei einem spontanen Strandtrip nach Concon entstanden, Fotocredits gehen an Laurenz 😉 )

 

3 Kommentare zu „48 Tage…“

  1. Ein sehr schöner Bericht. Danke das du mich mitgenommen hast. Das hört sich echt spannend an, auch wenn du anfangs erstmal ein komisches Gefühl hast, aber ich denke du wirst ein richtig tolles Jahr in Chile haben und viele tolle Erfahrungen sammeln, die dir keiner mehr nehmen kann. Ich wünsche dir ganz viel Spaß und Freude in Chile und hoffe auf weitere solche Berichte.
    Liebe Grüße Ela

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  2. Hey Jola, ich bin fasziniert von deinem Rückblick, vor allem von deiner Neugier und Nachdenklichkeit. Deine Schilderungen lassen deutlich erkennen, wie ernst du das nimmst, was du tust. Das finde ich herrlich. Und es erinnert mich – zum Glück – mal wieder an meine eigenen, lange zurückliegenden Abenteuer/Auslandsaufenthalte. Die ersten noch ganz allein: ohne Handy, ohne Internet, ohne Netflix. Die wenigen Telefonate mit der Familie waren sehr teuer und schon deshalb auf Wesentliches reduziert. Ja, Ankommen war in diesem Sinne vielleicht einfacher als heute, mit weniger „Ablenkung“ verbunden. Aber ich erinnere mich dafür – zumindest am Anfang – an recht viele einsame, manchmal durchaus beklemmende Momente. Langeweile dagegen spielte eher eine untergeordnete Rolle, zumindest in meiner Erinnerung… Ja, Jola, du siehst, wie anregend deine Zeilen sind… Ich danke für deine Eindrücke und wünsche dir weiterhin frohes Schaffen am anderen Ende der Welt!
    Liebe Grüße von MSt 😉

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    1. Vielen Dank für diese lieben und motivierenden Worte – ich erinnere mich noch an die ein oder andere Geschichte, die Sie von ihrer Italienreise erzählt haben…alles spannend diese Erfahrungen:) und irgendwann kann ich meinen Kindern dann auch solche Geschichten von meiner Zeit in Chile erzählen 😌 Liebe Grüße und Danke fürs aufmerksame Lesen 🙂

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